Der Titelzusatz „Páme Germanía“ bedeutet so viel wie „Auf nach Deutschland“.
Gründe – Von deutscher und von griechischer Seite

Nach Ende des zweiten Weltkriegs wurde Deutschland immer mehr zur Konsumgesellschaft. Um dies und den Wiederaufbau wirtschaftlich stemmen zu können, wurden viele neue Arbeitskräfte benötigt, die vor allem in industriellen Bereichen arbeiten sollten. Gerade in Industrieregionen wie bspw. im Ruhrgebiet, wo vor allem der Bergbau und die Kohleindustrie wuchsen, gab es einen großen Bedarf an Arbeitern für größtenteils körperliche Berufe. Für diese Arbeitsplätze wurden bevorzugt junge Männer gesucht, die man günstig bezahlen und unterbringen sollte. Also schloss Deutschland 1955 das erste Anwerbeabkommen mit Italien, welchem weitere mit beispielsweise der Türkei, Portugal und 1960 auch Griechenland folgten [3].
Für Griechenland hatte das Anwerbeabkommen ebenfalls wirtschaftliche Gründe, da auch dort nach dem Weltkrieg und dem anschließenden Bürgerkrieg kritische Verhältnisse herrschten. Vor allem im Norden des Landes, wo die Tabakindustrie zusammengebrochen war, gab es eine große Arbeitslosigkeit und ein Großteil der Bevölkerung lebte in Armut. Die Bürger erhofften sich durch das Anwerbeabkommen also einen Weg zum Wohlstand und später außerdem ein Entfliehen aus der Militärdiktatur, die ab 1967 im Land regierte [3].
Auch meine Familie hatte nicht viel, sie lebten in einem kleinen Dorf im nördlichen Teil des Landes, das „Néo Soúli“ heißt.
Aufbruch – In die Ferne
Das Anwerbeabkommen gewährte einen zeitlich unbefristeten Aufenthalt zur Erzielung von Erwerbseinkommen. Die Menschen konnten sich in Thessaloniki und Athen bei der Vermittlungskommission registrieren und nachdem sie vor allem gesundheitlich geprüft wurden, bekamen sie Arbeitsplätze vermittelt und reisten meist per Zug nach Deutschland. Auf berufliche Qualifikationen oder auch sprachliche Kenntnisse wurde dabei eher kein Wert gelegt [3]. Insgesamt kam jedoch nur ca. eine Hälfte der Menschen über das Anwerbeabkommen nach Deutschland [4]. Viele andere nutzten stattdessen ein Touristenvisum, was ihnen die Prüfung durch die Behörden ersparte. Oft wurden Menschen durch Empfehlungen anderer, die schon in Deutschland waren, an bestimmte Orte „nachgeholt“, sodass Familienmitglieder und Bekannte in beispielsweise der gleichen Stadt oder sogar im selben Betrieb arbeiteten. Dies hatte zur Folge, dass sich oft aus der ausgewanderten Bevölkerung eines Dorfes in deutschen Städten Gemeinschaften bildeten [7]. Gerade am Anfang emigrierten vor allem junge Männer und Familienväter, um Arbeit zu suchen, während der Rest ihrer Familie in Griechenland blieb. Erzählungen von der starken deutschen Wirtschaft bewirkten einen großen Enthusiasmus zur Ausreise. Die Hoffnung war, sich durch das Geld, was man in Deutschland verdiente, in Griechenland beispielsweise ein Auto oder Haus finanzieren zu können. Der Aufenthalt und die Arbeit im Ausland sollte nur temporär sein, sobald man genug gespart hatte, wollte man zurückkehren.
Mein Urgroßvater durchlief den Prozess über die Vermittlungskommissionen, um nach Deutschland zu kommen. Sein Bruder, der bereits im Ruhrgebiet lebte, lud ihn ein, sodass er auch in die Region vermittelt wurde. Meine Urgroßmutter, die 1970 von meinem Urgroßvater „eingeladen“ wurde, musste ebenfalls nach Athen, um ihre Gesundheit prüfen zu lassen, und anschließend reiste sie mit dem Schiff nach Italien, wo sie in einen Zug vermittelt wurde, mit dem sie bis nach Dortmund fuhr. Meine Großmutter und ihre Brüder, die als Kinder einige Zeit später nachkamen, reisten mit dem Bus.
Meine Familie hatte ähnliche Motivationen, mein Urgroßvater war nach Deutschland gegangen, da sie Schulden aufgenommen hatten, um ein Haus zu bauen. Mit seinem Gehalt aus Deutschland wollten sie diese Schulden begleichen.
Von 1960 bis 1976 emigrierten ungefähr 620.000 Menschen von Griechenland nach Deutschland, wobei eine genaue Zählung unmöglich ist, da, wie oben erwähnt, viele nicht den Weg des Anwerbeabkommens gewählt haben. Damit macht die Migration nach Deutschland den größten Teil der griechischen Arbeitsmigration nach Westeuropa aus. Im Jahr 2000 hatte ca. 10% der griechischen Gesamtbevölkerung kurz- oder längerfristig innerhalb der letzten 40 Jahre in Deutschland gelebt [4].
Leben in Deutschland – Wie der Traum?
Das Leben der Arbeitsmigranten in Deutschland war vor allem von Arbeit geprägt. Sie arbeiteten überwiegend in Industrieproduktionen am Fließband oder auch als Bergarbeiter, was im Ruhrgebiet eine große Rolle spielte. Dabei hatten sie sehr lange Arbeitszeiten, viele Überstunden und das zu einem sehr niedrigen Lohn [36, S. 8-10]. Die Unterbringung war sehr notdürftig – einige Betriebe stellten Baracken für ihre Arbeiter bereit, die meisten wohnten (wobei man nicht von leben sprechen kann) in renovierungsbedürftigen Gebäuden mit vielen Leuten auf engem Raum, wobei sich die Menschen Bäder und Küche teilten, wenn es diese denn gab [36, S. 11-12]. Für die wenige Freizeit gab es nicht ausreichend Freizeitangebote, was auch als Integrationsproblem gesehen wurde.
Das Haus, in dem die Familie meiner Großmutter zu Beginn wohnte, war in sehr schlechtem Zustand und wäre eigentlich stark renovierungsbedürftig gewesen. Sie teilten sich das Wohnzimmer mit ihrem Nachbarn und sie hatten weder ein Bad noch eine vernünftige Küche.
Die Kontakte und Netzwerke mit Personen aus dem Heimatland spielte eine große Rolle. Wie oben erwähnt entschieden bestehende Bekanntschaften auch oft die Wohnortwahl, und in den deutschen Städten entwickelte sich auch unter griechischen Arbeitsmigranten eine starke soziale Kohäsion. Fern ab von der Heimat bot vielen diese Community Unterstützung.
Familie/Frauen und Kinder


Während vor allem anfangs so gut wie nur Männer das Heimatland für die Arbeit verließen, blieben ihre Familien, oft Frau und Kinder, zurück in Griechenland. Auch ledige Männer hinterließen Eltern und vielleicht jüngere Geschwisterkinder, alles unter dem Wunsch, mit dem in Deutschland verdienten Geld die finanzielle Lage der Familie zu verbessern. Dies funktionierte oft auch, da die Löhne in Deutschland vergleichsweise hoch waren und den Menschen in Griechenland so durch die Armut halfen. Schon im Mai 1961 jedoch kamen bis zu 58 Prozent der Ausreiseanfragen bei den deutschen Vermittlungskommissionen von Frauen [3]. Da diese in Griechenland oft keine Arbeit fanden, emigrierten auch sie um Geld für die Familienversorgung, eine Mitgift oder Ähnliches anzusparen. 1972 waren 85 Prozent der aus Griechenland emigrierten Frauen in Deutschland berufstätig [4].
Meist blieben die Kinder noch im Heimatland bei ihren Großeltern, vor allem da ein dauerhafter Aufenthalt in Deutschland nicht geplant war. 1965 machten Kinder nur 10 Prozent der griechischen Einwanderer aus, was 1973 auf 40 Prozent angestiegen war [2]. Kinder wurden erst dann nachgeholt, wenn man bereits Fuß gefasst hatte und wenn klar war, dass man längerfristig in Deutschland bleiben würde. Es brachte Probleme mit sich, Kinder weg von der Heimat aufzuziehen, zum einen wegen der Wohnungslage und einem oft fehlenden Netz an Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern, die beide berufstätig waren; aber auch da es die erwünschte Rückkehr nach Griechenland erschwerte, wenn sich neue Generationen in Deutschland ein Leben aufbauten. Außerdem fehlten bis in die 1980er Jahre Bildungsmöglichkeiten, vor allem im Bezug auf Sprachunterricht.
Auch bei der Familie meiner Großmutter ging zuerst nur ihr Vater nach Deutschland. Fünf Jahre nachdem er zum ersten Mal aufgebrochen war, ging auch meine Urgroßmutter, während die Kinder vorerst bei deren Großmutter blieben.

Wirtschaftliche Auswirkungen – Vom Wirtschaftswunder und Geldrückzahlungen
In Griechenland entstand während der Hochphasen der Auswanderung ein Arbeitskräftemangel, der jedoch durch die Rückkehr vieler Menschen ausgeglichen wurde. Die Remissen, also die Geldrückzahlungen, die viele Arbeiter an ihre Familie in Griechenland schickten, trugen hingegen zum wirtschaftlichen Wachstum bei [3].
In Deutschland ging das Wirtschaftswachstum schnell voran, heute wird oft vom „Wirtschaftswunder“ gesprochen, was ohne die vielen Arbeitskräfte unmöglich gewesen wäre. Die Gesellschaft veränderte sich, wurde multikultureller, sodass auch heute noch ein großer Teil der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat. Gerade zu Beginn führte die starke Zuwanderung jedoch zur Auslastung des Wohnraums und weiteren infrastrukturellen Problemen. Einige Menschen ließen sich dauerhaft oder längerfristiger in Deutschland nieder und holten auch ihre Familien nach. Dadurch suchten viele nach größeren und „besseren“ Wohnungen, was die Probleme weiter vergrößerte. Was vorher nur temporär geplant war, wurde immer weiter zu dauerhaften Niederlassungen und Deutschland entwickelte sich wider Willen zum Einwanderungsland, worauf Teile der Bevölkerung ablehnend reagierten [2].
Anwerbestopp – Stoppt damit die Zuwanderung?
Um diese wachsende Zuwanderung zu unterbrechen, und da mit einer drohenden Rohölkrise die Angst um die Versorgung und die Arbeitsplätze in Industriebereichen wuchs, wurde 1973 das Ende der Anwerbeabkommen, der Anwerbestopp, vereinbart. Dadurch sollten keine neuen Arbeitskräfte mehr einwandern, die bereits angestellten behielten jedoch ihre Verträge. Familiennachzüge waren weiterhin möglich, sodass so noch einige Neuzuzüge kamen. Die Menschen konnten auch noch für Urlaube in ihr Heimatland zurückkehren und anschließend wieder einreisen, wobei einigen dann die Rückkehr verwehrt wurde [5].
Der Anwerbestopp hatte jedoch die gegenteilige Wirkung wie erhofft: während man dachte, so zu verhindern, dass Deutschland zum Einwanderungsland wurde, bewirkte der Anwerbestopp genau dies. Aus Angst, später nicht mehr nach Deutschland zurückkehren zu können, blieben die Menschen nun längerfristig dort und gaben ihre Rückwanderungswünsche auch durch den Familiennachzug fürs Erste auf [6].
Rückwanderungen – Nach Hause und zurück
„Sie sagten sich immer wieder, irgendwann geht es zurück und das Ersparte genügt zu Hause für ein kleines Glück.“
– Udo Jürgens, in „Griechischer Wein“, 1974
Ein Großteil der Menschen, die aus Griechenland nach Deutschland emigrierten, kehrte früher oder später wieder zurück, so wie ursprünglich geplant. Bis 1964 waren bereits 30 bis 40 Prozent zurückgekehrt. Jedoch kam es auch häufig vor, dass Menschen nach einer Rückkehr nach Griechenland erneut nach Deutschland kamen. Insgesamt migrierten 58 Prozent zwei- oder dreimal [4]. Diese Remigration wurde oft von sozialen Gründen bedingt, einerseits natürlich Familie, die noch in Griechenland lebte, und die allgemeine Sehnsucht nach der Heimat, andererseits aber auch ein unwillkommenes Gefühl in der deutschen Gesellschaft, welches auch von sprachlichen Schwierigkeiten stammte.
Von Seiten der deutschen Bevölkerung gab es ähnliche Wünsche. Auch durch den Anwerbestopp zeigte sich, dass man die dauerhafte Einwanderung verhindern wollte. Es gab also so etwas wie eine doppelte Rückkehrillusion [9].
Auch im weiteren Verlauf, als die Familien, die noch in Deutschland lebten, nicht mehr aktiv planten, nach Griechenland zurückzukehren, blieb die Hoffnung, irgendwann würde man noch zurückziehen. Manche bauten Häuser in Griechenland mit dem Ersparten aus Deutschland, was sie jedoch nur während des Sommerurlaubs weiterführen konnten, sodass bis heute vieles unvollendet bleibt. Mit Kindern, die in Deutschland jedoch stärker Fuß fassten, dort aufwuchsen und sich ihr Leben aufbauten, wurde man stärker gebunden. [9]

Mein Urgroßvater hatte mehrere Aufenthalte in Deutschland, bevor er längerfristig dort blieb. Das erste Mal emigrierte er im Jahr 1965, zuerst für acht Monate. Danach kehrte er erst zurück nach Griechenland, bevor er 1966 erneut auswanderte, dieses Mal ein Jahr lang. Ein drittes Mal emigrierte er 1969, wonach dann auch die Familie folgte [15].
Ein weiterer Teil meiner Familie, meine Tante und mein Onkel, kehrten ebenfalls nach ihrem Aufenthalt in Deutschland zurück nach Griechenland, wo sie noch immer wohnen. Meine Urgroßeltern kehrten einige Jahre nach ihnen, 1995, ebenfalls zurück.
Meine Großeltern, die jetzt schon rund 50 Jahre in Deutschland leben, haben in Griechenland ein Haus gebaut, in dem sie jedes Jahr die Sommerferien verbracht haben. Das Stadthaus, in das sie eigentlich ziehen wollten, wurde erst vor Kurzem fertiggestellt.
Heute
Mittlerweile leben noch rund 354.000 Menschen mit griechischer Herkunft in Deutschland, wovon 79 Prozent in Griechenland geboren sind. Die weiteren Generationen sind vergleichsweise gut ausgebildet, mit einem hohen Akademikeranteil [2]. 20 Prozent griechischer Kinder besuchen herkunftssprachlichen Ergänzungsunterricht, sodass Sprachkenntnisse nicht verloren gehen [2].
Ich besuche selbst einmal in der Woche eine „griechische Schule“, also herkunftssprachlichen Unterricht.



In diesem Interviewteil berichten meine Großmutter und Urgroßmutter von ihrer Migrationsgeschichte und ihren Erfahrungen in Deutschland. Dabei geht es unter Anderem um die Arbeit, das Wohnen und ihre Kontakten zu Deutschen.