Sprache ist ein entscheidender Teil der Integration und sorgt dafür, dass Menschen zusammenleben können, doch andererseits erschweren die Sprachbarrieren die Eingliederung in die Gesellschaft auch enorm. Daher sehen wir uns im Folgenden den Verlauf der Integration im Allgemeinen an.

Das Bundesministerium des Innern und für Heimat beschreibt Integration so: „Ziel von Integration ist es, den Zusammenhalt in der ganzen Gesellschaft zu stärken. […] Gelungene Integration bedeutet, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen.“ [29].

Dazu gehören Sprache, Bildung, Zugang zu politischer Teilhabe, Möglichkeiten zur persönlichen bzw. beruflichen Entfaltung und Akzeptanz in einer Gemeinschaft. All dies ist nötig, damit eine Bevölkerungsgruppe integriert ist.

Wie lief bzw. läuft also die Integration der griechischen Arbeitsmigrant*innen ab? Welche Hürden gab und gibt es, und welche Grenzen gilt es zu überqueren?

Soziale Lage – Grenzen in der Gesellschaft…

Die soziale Lage der Arbeitsmigrant*innen war äußerst schlecht. Die Bewertungskriterien dafür, die in „Griechen in Herten – Migration und Integration: wie aus Fremden Freunde wurden“ [17] dargestellt werden, sind:

  • Berufliche Chancen und Einkommen
  • Bildung
  • Wohnsituation
  • Freizeitgestaltung
  • Integration in die Gesellschaft

Berufliche Chancen und Einkommen: Hier ist eine Statistik der Bundeszentrale für politische Bildung über die Berufsgruppenverteilung der griechischen Auswanderer, in der erkennbar ist, dass der Großteil der Berufstätigen in Deutschland als Land- und Industriearbeiter und nicht in höherqualifizierten Berufen arbeiteten. Auch im selben Betrieb war das Einkommen der griechischen Arbeitskräfte oft niedriger im Vergleich zu dem der deutschen Arbeitskräfte und Letztere hatten meist bessere Aufstiegschancen [4].

Bildung: 1978/79 war der Anteil an nicht-deutschen Schülern auf Hauptschulen mit 4,3% deutlich höher als der an Gymnasien und Realschulen und 60% der nicht-deutschen Schulabgänger hatten keinen Schulabschluss [23, S. 64] (Weiteres zur Bildungssituation im Artikel zu Sprachbarrieren).

Wohnsituation: Die Arbeitsmigranten waren untergebracht in renovierungsbedürftigen Baracken, die meist schlecht ausgestattet waren [2; 3; 4; 15; 36]. Die Wohnsituation war also auch alles andere als optimal, was noch dadurch verstärkt wurde, dass häufig mehrere Personen auf engem Raum untergebracht waren.

Freizeitgestaltung: Der Vortrag „Das Problem der griechischen Gastarbeiter in der Bundesrepublik“ spricht die mangelnde Freizeitbeschäftigung und die damit verbundenen Integrationsprobleme an. Einerseits stellte die Arbeit den größten Teil des Lebens dar, doch für die übrige Freizeit standen nicht genügend zugängliche Angebote zur Verfügung, was dazu führte, dass u.A. psychisch, aber auch gesellschaftlich schlechte Zustände vorangetrieben wurden [13, S. 199f.].

Integration in die Gesellschaft: Die Integration in die Gesellschaft ist ein Punkt, der nicht eindeutig zu beurteilen ist. Einige Quellen sprechen von einer gelungenen Integration [17; 10; 11; 28], während andere eher Probleme ansprechen [6; 8; 23; 24; 25]. Außerdem hat sich die Urteilsgrundlage über die Jahre und mit weiteren Generationen stark verändert.

Anhand dieser Bewertungskriterien lässt sich erkennen, dass die soziale Lage der Arbeitsmigrant*innen zumindest in den ersten Jahrzehnten mangelhaft war. Diese ungleichen Chancen einer Bevölkerungsgruppe bringen Probleme wie soziale Spaltung und Grenzen in der Gesellschaft mit sich. Mit der Zeit haben sich viele dieser Kriterien positiv entwickelt, sodass sich heute auch die soziale Lage der Bevölkerungsgruppe verbessert hat.

Der Künstler Vlassis Caniaris stellte in seiner Ausstellung „Gastarbeiter – Fremdarbeiter“ das Leben der Arbeitsmigrant*innen künstlerisch dar. Dazu verwendete er einfache Materialien, vor allem Draht und Gips, um die dürftige Lebensweise darzustellen. Er stellte das Leben so als „nicht erkennbar, nicht fassbar“ dar und „[zeigte], dass die Voraussetzungen für ein menschliches Leben nicht vorhanden waren“. Die Darstellungsweise in seinen Kunstwerken zeigt also ein eher tristes Bild der Integration, er wollte auch darstellen, dass die „Gastarbeiter“ auf die Einheimischen beinahe wie Abfall wirkten [20].

…und wie überwindet man sie? – Ideen zu Integration

Besonders wichtig bei der Integration von Bevölkerungsgruppen aus anderen Ländern ist, die Integration nicht durch Assimilation zu erzwingen. Das Ziel sollte nicht sein, zu einer Gemeinschaft zu werden, in der alle identisch sind, sondern, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der alle trotz ihrer Individualität zusammenleben. Das Problem dieser Assimilation wird u.A. in „Kultur im Migrationsprozess – Tendenzen einer neuen europäischen Kultur“ [8] und in „Der Multikulti-Irrtum – Wie wir in Deutschland besser zusammenleben können“ [25] angesprochen.

Multikulturelle Gesellschaft bedeutet die Bereitschaft, mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zusammenzuleben, ihre Eigenart zu respektieren, ohne sie germanisieren und assimilieren zu wollen.

Heines Geißler, zitiert in „Der Multikulti-Irrtum“ von Seyran Ateş [25]

Integration hat immer zwei Seiten, in diesem Fall die deutsche Gesellschaft und die griechischen Einwanderer. Das Zusammenleben funktioniert nur, wenn zum einen die Möglichkeiten geboten werden, soziale Unterschiede aufzuheben und zum anderen die Bereitschaft vorhanden ist, diese zu ergreifen.

[Es funktioniert nur], wenn wir einander zuhören, wenn wir Menschen einladen mitzumachen, teilzunehmen an Dingen und gemeinsam Dinge auf die Beine stellen und schaffen können.

Özlem Arslan, im Gespräch am 20.11.2024 [16]

Dazu gehört es, vorurteilsfrei aufeinander zuzugehen. Bei dem Kemnade International Festival (s. unten) waren dies zentrale Werte. Das erste Plakat, welches Menschen dazu aufrief, am Festival teilzunehmen, verwendete mehrsprachige Plakate, um Menschen verschiedener Nationalitäten anzusprechen. Dabei gab es jedoch feine Unterschiede in der Übersetzung, sodass auf verschiedenen Sprachen andere Botschaften ausgedrückt wurden:

Von der einen Seite wird Offenheit erwartet, an die andere Seite wird formuliert, dass sie kämpfen sollen, um sich der deutschen Mehrheitsgesellschaft vorzustellen.

Özlem Arslan, im Gespräch am 20.11.2024 [16]

Diese Doppelmoral kann zum einen kritisch gesehen werden, zum anderen ist sie gerechtfertigt, da durch die verschiedenen Perspektiven auch eine Annäherung auf unterschiedliche Weisen erfolgen muss.

Erfahrungen von Zeitzeug*innen

Zeitzeug*innen berichten oft von der Hilfe, die sie von Deutschen erhalten haben. Meine Urgroßmutter erzählt von Deutschen, die ihnen Dinge gegeben haben, die sie übrig hatten und auch in „Heimat ist da, wo du lebst – Als die Griechen kamen“ erzählen die Menschen von Unterstützung und offenen Armen der Deutschen [7; 15].

Es entstanden Freundschaften zwischen den griechischen Zugewanderten und deutschen Nachbarn oder Kollegen. In „Traumland Deutschland“ aus einer Zeitung der IFAK erzählt die Familie Ömür davon, von ihren Nachbarn Deutsch gelernt zu haben und auch meine Urgroßmutter und Großmutter berichten von Freundschaften mit der Nachbarin und Kolleginnen bei der Näherei und im Opel-Werk, wo meine Großmutter gearbeitet hat [11, S. 3; 15].

Diese Kontakte waren ein wichtiger Teil der Integration, da die Freundschaften einerseits bei Alltagsproblemen helfen konnten und so andererseits Grenzen zwischen Bevölkerungsgruppen überschritten wurden und sich Menschen verschiedener Nationalitäten annäherten.

Dennoch hatten die meisten Menschen größtenteils Kontakte zu anderen Zugewanderten aus ihrem Heimatland [4]. Dies erzählten auch Zeitzeug*innen von der griechischen Insel Santorini, von denen viele zeitweise in Deutschland gelebt haben. Zwischen den Menschen, die beinahe alle nach Gummersbach emigriert waren, bildete sich eine starke Community in Deutschland [7]. Auch meine Großmutter sagte aus, dass sie sich lieber in der Gesellschaft von Griechen aufhielt und mehr Bekanntschaften mit solchen hatte [15].

Begriff „Gastarbeiter“ – Sprachlich ausgedrückte Grenze?

Wenn man „Gastarbeiter“ genannt wird, dann wird man nur als Arbeiter betrachtet.

Angeliki Goutenidou, 2005, zitiert in „Der Multikulti-Irrtum“ von Seyran Ateş [25]

Der Begriff „Gastarbeiter“, der früher und auch heute noch häufig verwendet wurde bzw. wird, ist mittlerweile von vielen Seiten kritisch beäugt. Durch die Betitelung als „Gast“ wird eine Temporarität ausgedrückt, was im Gegensatz dazu steht, die Menschen in die Bevölkerung zu integrieren und der Ausdruck „Arbeiter“ reduziert die Menschen zusätzlich auf ihre Arbeitskraft. Dieser Begriff kann schon als Definition einer Grenze in der Sprache verstanden werden, mit der auch eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft ausgedrückt wird. Noch stärker deutlich wird dies bei der Bezeichnung „Fremdarbeiter“, oder auch „Ausländer“, Begriffe, die heute sehr negativ behaftet sind.

Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.

Max Frisch, 1965

Dieses Zitat stammt ursprünglich von Max Frisch, wurde aber an vielen Stellen erneut verwendet, unter anderem in dem Lied „Es kamen Menschen an“ von Cem Karaça. Es fasst gut zusammen, wie die deutsche Bevölkerung mit der Zeit die Arbeitsmigrant*innen mehr und mehr als Mitmenschen behandelten, auch wenn dies anfangs noch nicht der Fall war.

Zu der Zeit wurden die Begriffe eher nicht diskriminierend verwendet, die negative Bedeutung der Wörter entwickelte sich erst mit der Zeit auf diese Weise. Durch Reflexion der Begriffe wurden problematische Fremdbezeichnungen verändert und überholt, was auch ein Thema in meinem Gespräch mit Özlem Arslan (s. unten) war.

Kemnade International – Gemeinsam weiter

Das Festival „Kemnade International“ wurde 1974, ein Jahr nach dem Anwerbestopp, vom Museum Bochum, damals unter der Leitung von Peter Spielmann, ins Leben gerufen. Auf Schloss Kemnade kamen Menschen aller Nationalitäten zusammen und besuchten das vielfältige Programm aus Musik, Tanz, Theater und Performances, zusammengetragen von Künstlern mit verschiedensten kulturellen Hintergründen. Das Festival sollte ein Ort des kulturellen Zusammenkommens sein und lud zu Begegnungen der Arbeitsmigrant*innen und der Deutschen ein. Mit Fachtagungen über gesellschaftspolitische Themen hatte das Festival auch politische Bedeutung und spielte eine große Rolle für die soziale Beteiligung der Menschen, die nun nicht mehr nur als Gäste in Deutschland lebten.

Eindrücke vom Festival „Kemnade International“, Foto von Harmut Beifuß, https://www.trailer-ruhr.de/oezlem-arslan-eva-busch-die-verhaeltnisse-zum-tanzen-bringen-kunstmuseum-bochum [30]

Heute hat sich Kemnade International zu dem Festival „Ruhr International“ entwickelt, welches nun in der Jahrhunderthalle Bochum veranstaltet wird. Zum 50-jährigen Jubiläum organisierte das Kunstmuseum Bochum (früher das Museum Bochum) vom April bis September 2024 die Ausstellung „Die Verhältnisse zum Tanzen bringen. 50 Jahre Kemnade International“ wo Eindrücke des Festivals durch Video-, Foto- und Musikbeiträge gezeigt werden.

Ich habe die Ausstellung leider nicht besucht, doch ich habe ein Interview mit Özlem Arslan geführt, der Kuratorin des Kunstmuseums, die zusammen mit Eva Busch die Ausstellung organisiert hat. Sie erklärt die Bedeutung des Festivals und seinen Beitrag zur Integration der Arbeitsmigrant*innen.

[16]

Das Interview stellt heraus, wie durch Beteiligung der eingewanderten Bevölkerungsgruppen ein gegenseitiges Verständnis entstand. Wir können daraus lernen, dass Partizipation und Teilhabe ein wichtiger Schlüssel zur Integration sind. Das Festival ermöglichte das Ausleben der mitgebrachten Kulturen und Begegnungen unter Menschen, die gemeinsam eine Gesellschaft bilden.

Vereine, Gemeinden etc. – Kleine Heimat in der Fremde

Etwas, was den Eingewanderten in Deutschland und der neuen Gesellschaft Stabilität gab, waren Vereine und Gemeinden aus dem Heimatland. Kulturvereine, die zum einen für Traditionsbewahrung wichtig waren, zum anderen die Leute aber auch beim Zurechtfinden in der Gesellschaft durch das Schaffen von Kontakten unterstützen, haben auch heute noch eine große Bedeutung in der griechischen Community. Ein wichtiges Zentrum dieser Gemeinschaft ist zweifellos die griechisch-orthodoxe Gemeinde Agios Dimitrios in Herten. Als die Kirche 2001 eröffnet wurde, war dies ein Zeichen dafür, dass die griechische Gemeinschaft in Deutschland angekommen war [17]. Mittlerweile finden dort abgesehen von Gottesdiensten auch Kulturfeste statt und meine Familie ist ebenfalls ein Teil der Gemeinde.

Meine Tante ist bspw. auch Mitglied in einem griechischen Tanzverein in Recklinghausen, der zum griechischen Kulturverein „Neo Hellas“ (übersetzt „neues Griechenland“) gehört. Der Verein sieht kulturelle Auslebung als wichtigen Bestandteil von Integration und möchte mit Musik und Tanz Menschen zusammenbringen [35]. Ein anderer griechischer Kulturverein, bei dem meine Tante früher Mitglied war, ist auch schon auf dem Kemnade International Festival aufgetreten.

Tanzgruppe des „Neo Hellas“ Vereins vor der Hl. Dimitrios Kirche, privates Foto
Traditioneller griechischer Tanz, privates Video
⬅ Verlauf der griechischen Arbeitsmigration
📜 Quellen
Sprachbarrieren ➡